Interview: Sandra Ohlenforst

„… weil es gut tut, Menschen lächeln zu sehen.“

Interview mit Sandra Ohlenforst, Leiterin der Kontakt- und Informationsstelle für Studierende mit Behinderung und chronischer Erkrankung (KIS) der Universität Würzburg.

Die Kontakt- und Informationsstelle für Studierende mit Behinderung und chronischer Erkrankung (KIS) der Universität Würzburg besteht seit dem Jahr 2008 und gehört organisatorisch zum Beauftragten der Hochschulleitung für Studierende mit Behinderung und chronischer Erkrankung, Herrn Prof. Dr. Reinhard Lelgemann.
Mit ihrem vielfältigen Beratungs- und Serviceangebot rund um´s Studieren mit Behinderung und chronischer Erkrankung richtet sie sich an:

  • Studieninteressierte,
  • Studierende und Absolventinnen/en mit Behinderung und chronischer Erkrankung
  • sowie das Lehr- und Verwaltungspersonal der Universität Würzburg.

Weitere Informationen erhalten Sie bei der KIS der Universität Würzburg.

Sandra Ohlenforst

  • Geboren 1976 in Aachen
  • 2005 – 2010 Studium der Soziologie, Psychologie sowie Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Rheinisch-Westfälisch Technischen Hochschule in Aachen
  • Während ihres Studiums Interessenbeauftragte für Studierende mit Behinderung und chronischer Erkrankung beim AStA der RWTH Aachen
  • Seit April 2010 Leiterin der Kontakt- und Informationsstelle für Studierende mit Behinderung und chronischer Erkrankung der Universität Würzburg
  • Seit 2014 Mitglied im Beirat der „Informations- und Beratungsstelle Studium und Behinderung“ des Deutschen Studentenwerks e.V.
  • Sandra Ohlenforst trägt infolge eines Sportunfalls seit 1999 Endoprothesen und ist deshalb selbst schwerbehindert.

Im Interview* mit der „Studieren-in-Bayern-Redaktion“ (SiB) berichtet Sandra Ohlenforst von den Herausforderungen und der Erfüllung in ihrem Beruf, dem Abbau von Schwellenängsten zwischen Behinderten und Nichtbehinderten sowie ihren Zukunftsplänen für die KIS.
*[Das Interview führte SiB-Redakteur Christoph Bungard am 22. Mai  2014 in München.]

SiB: Frau Ohlenforst, die Gruppe der Studierenden mit Behinderung und chronischer Erkrankung ist eine Minderheit. Wie groß ist  denn diese Gruppe an der Universität Würzburg?
Sandra Ohlenforst: Das wissen wir nicht. Zur Situation von Studierenden mit Behinderung und chronischer Erkrankung gibt es jedoch die bundesweite Umfrage „20. Sozialerhebung von 2012“. Demnach studieren sieben Prozent aller Studierenden an den deutschen Hochschulen mit einer gesundheitlichen Schädigung, welche im Studium beeinträchtigt. Das wären dann bei uns an der Uni Würzburg schätzungsweise 2.000 Studierende. 
Laut der Umfrage „beeinträchtigt studieren“ von 2011 ist bei 94 Prozent der Studierenden mit Behinderung die Beeinträchtigung auf den ersten Blick gar nicht erkennbar. Übrigens: Ca. 40 Prozent der Behinderungen sind psychischer Art – vor allem Depressionen und Angststörungen. Diese Größenordnung deckt sich mit den Erfahrungen unseres KIS-Teams, das im vergangenen Jahr ungefähr 360 Beratungsgespräche geführt hat.
SiB: Gibt es Studienfächer, die von Studierenden mit Behinderung bevorzugt oder gemieden werden?
Sandra Ohlenforst: Nein. Hier können wir keine Unterschiede zu Nichtbehinderten feststellen.

SiB: Welche Themen kommen hauptsächlich bei Ihren Beratungen zur Sprache?
Sandra Ohlenforst: Zunächst einmal geht es in meinen Beratungsgesprächen um die Wahl des Studienfachs. Wichtige Themen zu denen Beratungen stattfinden sind: Nachteilsausgleiche, Finanzierung von Hilfsmitteln oder Studienassistenz. Zu einer guten Studienberatung gehört für mich aber auch eine umfassende Berufsberatung vom Studienbeginn bis zur Bewerbungsphase. So mache ich Absolventinnen und Absolventen auf Bewerberseminare der  „Informations- und Beratungsstelle Studium und Behinderung des Deutschen Studentenwerks e.V.“ aufmerksam und stelle den Kontakt zur zentralen Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit her.
Außerdem unterstützen die KIS und die Uni Würzburg im Rahmen des Projekts „Promotion inklusive“ (PROMI) nun verstärkt Promotionen von Akademikerinnen und Akademikern mit Behinderung. Von den 15 teilnehmenden Hochschulen ist die Uni Würzburg derzeit die einzige in Bayern. Wir haben bereits zwei halbe E-13-Stellen eingerichtet und mit einem Wirtschaftsinformatiker mit Legasthenie sowie einem Physiker mit spinaler Muskelatrophie besetzt.

SiB: In Ihren Beratungsgesprächen haben Sie mit Menschen mit ganz unterschiedlichen und vor allem unterschiedlich schweren Behinderungen zu tun. Wie gehen Sie persönlich damit um?
Sandra Ohlenforst: Ich selbst empfinde meinen Beruf und meine Aufgabe als äußerst gewinnbringend. Mich freut es und es tut mir gut, wenn ich sehe, dass Studierende mein Büro nach einem Beratungsgespräch verlassen und dabei lächeln, weil sie erleichtert sind und ich ihnen weiterhelfen konnte. Je nachdem, um welche Erkrankung es geht, ist mein Beruf sicherlich auch belastend. Vor kurzem hat mich eine Studentin angerufen, die an Krebs erkrankt ist. Sie wollte wissen, ob sie sich vorsorglich exmatrikulieren soll, weil es für sie klar war, dass sie sterben wird. Diese Situationen sind für mich nicht einfach, und ich kann diese Begegnungen auch nach Feierabend nicht einfach wegstecken. Da ist es gut, dass ich einen Psychologen im Hintergrund habe, mit dem ich über kritische Fälle sprechen kann. Trotzdem macht mir die Arbeit große Freude und sie erfüllt mich sehr.

SiB: Wie ist das unter den Studierenden selbst? Stellen Sie Schwellenängste zwischen Nichtbehinderten und Behinderten fest? Ist das auch ein Thema für die KIS?
Sandra Ohlenforst: Das ist sogar ein ganz wichtiges Thema für uns. Gemeinsam mit meinen studentischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gehe ich in Erstsemesterveranstaltungen und stelle die KIS vor, wir machen in unserem Hochschul-Magazin „einBLICK“ auf Veranstaltungen der KIS aufmerksam oder veranstalten einmal im Jahr einen Selbsterfahrungstag. Dort bekommen die Besucherinnen und Besucher beispielsweise die Möglichkeit, im Rollstuhl einen Parcours zu umfahren oder blind auf ein Fußballtor zu schießen.
An der Uni Würzburg haben wir übrigens nicht nur unter den Studierenden, sondern auch unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Verwaltung Menschen mit Behinderung und chronischer Erkrankung. Zusätzlich bieten wir für Lehrende sowie das Verwaltungspersonal regelmäßig eine Fortbildung zum Thema „Psychische Erkrankungen bei Studierenden-wie erkenne ich sie und wie gehe ich damit um?“ an.

SiB: Außer der KIS arbeiten auch viele andere Einrichtungen an der Inklusion. Stehen sie mit diesen in Kontakt?
Sandra Ohlenforst: Mit den Behindertenbeauftragten und den Kolleginnen und Kollegen in den Beratungsstellen bin ich immer telefonisch in Kontakt. Seit 2011 treffen sich die Behindertenbeauftragten an bayerischen Hochschulen zweimal jährlich. Dabei tauschen sich die Beauftragten der Studierenden mit Behinderung und Mitarbeiter von Beratungsstellen aus. Zudem treffe ich die Kolleginnen und Kollegen auf Fachtagungen und Seminaren, die zumeist von der Informations- und Beratungsstelle Studium und Behinderung des Deutschen Studentenwerks e.V. angeboten werden.
Wichtig ist es natürlich, auch vor Ort gut vernetzt zu sein. So arbeite ich zum Beispiel mit dem Behindertenbeauftragten der Stadt Würzburg sehr eng zusammen. Ihn hole ich mir vor allem wegen seines Fachwissens zu barrierefreien Zuwegen ins Boot. Erst kürzlich haben wir bei der Neugestaltung der Brücke zwischen dem Hubland-Campus Nord und Hubland-Campus Süd zusammengearbeitet. Mit dem Behindertenbeirat der Stadt Würzburg bin ich ebenfalls gut vernetzt. Im April 2014 hat Würzburg als erste Kommune in Bayern ihren eigenen kommunalen Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention beschlossen. An diesem Aktionsplan habe ich mitgearbeitet und in Zusammenarbeit mit der Hochschulleitung das Kapitel „Studieren mit Behinderungen“ geschrieben. Dort ist die KIS auch als fester Bestandteil des Konzepts verankert. Wichtige Partner vor Ort sind für mich beispielsweise auch das autismus-Zentrum Unterfranken, die Klinik für Psychiatrie der Universitätsklinik oder das Gesundheitsamt.
Neben diesen fachlichen Dingen liegt mir vor allem die politische Arbeit zur Inklusion sehr am Herzen. Daher sind mir die guten Kontakte zu Universität Bayern e.V., den Landtagsabgeordneten und natürlich vor allem zu Ihrem Ministerium sehr wichtig.

SiB: Welchen Rat würden Sie anderen geben, die eine Kontaktstelle nach dem Vorbild der KIS gründen möchten?
Sandra Ohlenforst: Das A und O ist ein gutes Beratungsangebot. Ebenso wichtig ist es, so gut es geht, die Hochschulleitung in die Arbeit mit einzubinden. Das funktioniert bei uns in Würzburg sehr gut. Wichtig ist auch, dass man von den Einrichtungen und Gremien ernst genommen wird. Dazu gehört es auch, manchmal einen Antrag eines Studierenden auf einen Nachteilsausgleich kritisch zu hinterfragen.

SiB: Darf ich Ihnen auch eine ganz persönliche Frage stellen? Frau Ohlenforst, Sie sind selbst Betroffene und engagieren sich bereits seit Ihrem Studium für andere Menschen mit Behinderung. Wie ist dieses Engagement entstanden?
Sandra Ohlenforst: Ich hatte schon im Kindergarten und in der Grundschule den Ehrgeiz, anderen Menschen zu helfen und sie zu unterstützen. Ich erinnere mich an einen Jungen in unserem Dorf, der aufgrund einer angeborenen Erkrankung erblindet war. Auf einem Kindergeburtstag hat sich niemand außer mir mit ihm beschäftigt. Für mich hingegen war es ganz selbstverständlich, auf ihn zuzugehen und ihn anzusprechen.
Während meines Studiums in Aachen war ich auch im Landesvorstand des Sozialverbands VdK NRW aktiv – zuerst als Beisitzerin und dann als Vertreterin der jüngeren Mitglieder. Ich war mit 30 Jahren damals die Jüngste im Landesvorstand. Diese ehrenamtliche Arbeit hat sehr viel Spaß gemacht, hat mich aber auch sehr viel Kraft und viele Tränen gekostet. Mit meinem beruflichen Wechsel nach Würzburg musste ich dann Prioritäten neu setzen und habe mein Ehrenamt beim VdK niedergelegt.

SiB: Gibt es eine persönliche Zukunftsvision für die KIS?
Sandra Ohlenforst: Als Leiterin der KIS geht es mir jetzt vor allem darum, das bestehende Angebot für die Zukunft zu sichern und nachhaltig weiterzuentwickeln. Die inklusive Hochschule besteht nicht nur aus barrierefrei zugänglichen Gebäuden. Ebenso wichtig sind die inklusive Lehre sowie ein umfassendes Beratungsangebot für Studierende mit Behinderung und chronischer Erkrankung. Derzeit sind die bayerischen Hochschulen bereits auf einem guten Weg, die Empfehlung „Eine Hochschule für Alle“ der Hochschulrektorenkonferenz sowie das in Ihrem Ministerium erstellte Konzept zur inklusiven Hochschule umzusetzen. Hier gibt es noch viel zu tun und ich möchte gerne dabei mithelfen – für die Studierenden mit Behinderung an „meiner“ Uni Würzburg und wenn möglich auch mit meinen Kolleginnen und Kollegen in ganz Bayern.

SiB: Herzlichen Dank für das Gespräch, Frau Ohlenforst!